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Montag, 8. Mai 2017

Wenn die Solaranlage zu stark strahlt

Wenn die Solaranlage zu stark strahlt

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Zwei chinesische Hersteller haben Wechselrichter verkauft, die andere Geräte stören könnten. Wegen überschrittener Grenzwerte wird der Vertrieb abrupt gestoppt. Deutsche Firmen wittern einen Preiskampf zu Lasten von Qualität und Sicherheit.
Massenproduktion dank boomender Sonnenenergie: Bei Solarmodulen beherrschen chinesische Firmen bereits den Markt. Foto: Getty
Massenproduktion dank boomender Sonnenenergie: Bei Solarmodulen beherrschen chinesische Firmen bereits den Markt. Foto: Getty
Stuttgart - Die Quartalsbilanz der Firma Kaco new energy aus Neckarsulm bei Heilbronn klang fast euphorisch. Höchst erfreulich entwickele sich die Nachfrage nach Wechselrichtern – jenen Geräten, die den in Solaranlagen erzeugten Gleichstrom in Wechselstrom für die Steckdose umwandeln. Gegenüber den ersten drei Monaten des Vorjahres, meldete der Hersteller Anfang April, habe sich der Auftragseingang verdoppelt. „Die von uns produzierten Wechselrichter erfüllen konsequent die strengen europäischen Normen in Bezug auf elektromagnetische Störstrahlung sowie Sicherheit“, betonte der Kaco-Chef Ralf Hofmann. Damit schützten sie die Kunden „vor kostspieligen juristischen und wirtschaftlichen Folgen, die beim Einsatz von deutlich günstigeren Geräten anderer Hersteller drohen“.
Noch offener als die Neckarsulmer warnt der Branchenführer, SMA Solar aus Niestetal bei Kassel, vor unsicheren und minderwertigen Geräten der Konkurrenz. Man teste regelmäßig eigene und fremde Wechselrichter – und habe bei Letzteren Irritierendes festgestellt. Um den Preis zu drücken, würden offenbar bewusst Abstriche in Kauf genommen. „Schockiert“ zeigten sich die SMA-Leute besonders über die elektromagnetische Störstrahlung: In einigen Fällen liege diese bis zum 16-fachen über den europäischen Grenzwerten. Das deute auf eine „bewusste Inkaufnahme“ hin, sagte der SMA-Manager Hannes Knopf dem Fachblatt „pv-magazine“.

Erst billige Geräte, dann teure Anwälte?

Um Geld zu sparen und Verluste beim Wirkungsgrad zu vermeiden, werde auf die notwendigen technischen Vorkehrungen verzichtet – wohl in der Hoffnung, dass es niemand merke. Doch das könne sich gewaltig rächen, warnte Knopf. Komme es zu ernsthaften Störungen, etwa des Funks im Zugverkehr oder von sensiblen Produktionsanlagen, könne ein ganzer Photovoltaikpark zwangsweise stillgelegt werden; dann drohten auch rechtliche und finanzielle Folgen. Billige Wechselrichter könnten teure Anwälte erfordern, warnt SMA auf einer eigens eingerichteten Internetseite (www.solar-trust.com).
Namen der betroffenen Hersteller nennen weder Kaco noch SMA. Doch in der Branche kursieren seit längerem Mutmaßungen, wer gemeint sein dürfte: Firmen aus China, die mit günstigen Preisen aggressiv expandierten. Bei den Solarmodulen, die die Sonnenenergie einfangen, beherrschten sie dank Massenproduktion und staatlicher Förderung den Markt bereits weitgehend. Nun wollten sie diesen Erfolg bei den technisch anspruchsvolleren Wechselrichtern wiederholen – zulasten der deutschen Produzenten, die mit Qualität punkten. Bisher meldete sich freilich auch keiner der Billig-Anbieter zu Wort, um die Vorwürfe zurückzuweisen. So entstand in der Branche eine wachsende Verunsicherung.

Die Netzagentur erreicht einen Verkaufsstopp

Nun werden, durch Recherchen der Stuttgarter Zeitung, erstmals Ross und Reiter bekannt. Zuständig für die Überwachung der elektromagnetischen Verträglichkeit ist die Bundesnetzagentur in Bonn. Dort ging man Hinweisen auf überschrittene Grenzwerte nach – und fand sie einem Sprecher zufolge bestätigt. Bei zwei Geräten chinesischer Hersteller hätten sich Verstöße „messtechnisch nachweisen“ lassen: einem von Sungrow (Typbezeichnung SG50KTL-M) und einem von Huawei (Sun2000-33-KTL) – beides scharfe Konkurrenten des deutschen Weltmarktführers SMA. Man habe die Unternehmen mit den Messergebnissen konfrontiert, sagt der Sprecher. Diese hätten „zugesichert, den Verkauf sofort zu stoppen“; die Geräte sollten nur noch modifiziert auf den Markt gebracht werden. Für einen Rückruf sehe man angesichts des „mittleren Risikos“ keinen Anlass.
In den Deutschland-Zentralen der beiden Firmen werden die Informationen bestätigt. „Wir nehmen den Vorgang sehr ernst“, sagt ein Sprecher von Huawei in Düsseldorf. Gleich nach dem Hinweis der Netzagentur habe man den Vertrieb des fraglichen Geräts „komplett eingestellt“. Derzeit würden die Kunden informiert, die bisher allerdings keine Probleme gemeldet hätten, bei Fragen stehe ihnen der Vertrieb zur Seite. Wie viele solcher Wechselrichter verkauft wurden, mag Huawei nicht verraten. In Kürze werde man ein Nachfolgeprodukt auf den Markt bringen, in dem „dieser Mangel behoben“ sei. „Ganz und gar nicht“ sei dieser in Kauf genommen worden, um die Kosten zu senken, beteuert der Sprecher. Die Qualität und das Einhalten gesetzlicher Vorgaben habe für das Unternehmen „höchste Priorität“; dazu seien umfassende Prozesse etabliert. Den aktuellen Vorfall betrachte man „als Verpflichtung, in dieser Hinsicht noch besser zu werden“.

Firma entschuldigt sich für Unannehmlichkeiten

Ganz ähnlich klingt es bei Sungrow in München. Man habe den Vertrieb der fraglichen Geräte „vorsorglich sofort eingestellt und Lagerware gesperrt“, sagt ein Sprecher. Der Wechselrichter werde „durch eine allen Anforderungen entsprechende Neuentwicklung ersetzt“. Den Kunden, die sich rasch melden sollen, biete man eine „freiwillige Nachrüstaktion“ an. Ausfälle oder Störungen bei den nur in geringen Stückzahlen vertriebenen Geräten seien nicht bekannt. An den Maßnahmen werde „mit Hochdruck“ gearbeitet, „etwaige Unannehmlichkeiten“ bitte Sungrow zu entschuldigen.
Auch die Münchner wollen von gezielten Abstrichen aus Kostengründen nichts wissen. Die Qualität der Produkte sowie „Sicherheit und Gesundheit der Anwender und Dritter“ stünden für Sungrow „an erster Stelle“. Daher lasse man Geräte vor dem Vertriebsstart „in Zusammenarbeit mit namhaften unabhängigen Testinstituten wie zum Beispiel dem Tüv“ untersuchen und zertifizieren – auch bei dem beanstandeten Gerät. Welcher Tüv das gewesen sein soll, wurde zunächst nicht verraten. Der Tüv Süd in München bestätigte auf StZ-Anfrage, dass der Wechselrichter über ein Zertifikat verfüge, welches die Einhaltung verschiedener Normen bestätige. „Noch nicht abgeschlossen“ sei hingegen die Prüfung der elektromagnetischen Verträglichkeit; das Gerät „befindet sich bei uns im EMV-Prüfprozess“, sagte eine Sprecherin.
Die Probleme der chinesischen Konkurrenz könnten den deutschen Herstellern durchaus nützen. Man beachte eine wachsende Nachfrage nach Wechselrichtern „Made in Germany“, hatte der Kaco-Chef Hofmann kürzlich konstatiert. Angesichts des positiven Auftaktes habe man die Jahresprognose „deutlich“ angehoben.
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