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Dienstag, 15. Mai 2018

Warum EPC-Firmen bei Geschäften mit chinesischen Photovoltaik-Herstellern auf harte Bankgarantien bestehen sollten

Warum EPC-Firmen bei Geschäften mit chinesischen Photovoltaik-Herstellern auf harte Bankgarantien bestehen sollten


Im vergangenen Spätsommer und Herbst war der Modulmarkt so gut wie leergefegt. Zumindest aus Sicht deutscher EPC-Unternehmen, die vornehmlich bei großen chinesischen Photovoltaik-Herstellern ihre Module für Projekte in Europa einkaufen. „Wir haben alle Tier-1-Hersteller, mit denen wir normalerweise zusammenarbeiten angefragt, aber es waren einfach keine Module zu bekommen“, sagt Monika Leiner, Leiterin Einkauf bei Goldbeck Solar, im Gespräch mit pv magazine. Grund sei die enorme Nachfrage aus den USA wegen der Section 201-Verfahrens gewesen sowie der damit verbundene Druck auf Verfügbarkeiten bei nicht in China hergestellten Solarmodulen.
Im Juli 2017 kam es dann zu einer ersten Kontaktaufnahme zwischen Goldbeck Solar und China Sunergy (CSUN) Eurasia Energy Business. Die in der Türkei ansässige Tochtergesellschaft des chinesischen Photovoltaik-Herstellers bot die Lieferung von sechs Megawatt Solarmodulen aus ihrem Werk vor Ort zu attraktiven Preisen an. Jeweils ein Megawatt sollte in den Monaten September 2017 bis Februar 2018 geliefert werden. Goldbeck Solar hatte zuvor noch nie mit CSUN zusammengearbeitet. Doch da der chinesische Produzent zu den Tier-1-Herstellern gehört und immerhin börsennotiert ist, verfolgte der deutsche Projektierer das Angebot weiter, wie Leiner berichtet.
Goldbeck Solar benötigte dann wegen eines möglichen EPC-Auftrags die Module bereits komplett bis Ende November und verhandelte nach. CSUN habe den Lieferplan entsprechend angepasst und die Preise erhöht, sagt Leiner. Ende August lag eine entsprechende Basisvereinbarung für den Kauf von Modulen aus dem türkischen CSUN-Werk vor, der nur noch finalisiert werden musste.
Am 1. September informierte CSUN dann, dass die Module doch nicht aus türkischer Produktion stammen würden, sondern über „Partner“-Ware aus China importiert werden sollten. Einen Namen nennt CSUN jedoch nicht. Goldbeck Solar ist dies zu heikel. Der chinesische Hersteller bietet daraufhin an, die Module in einer OEM-Fabrik in Thailand herstellen zu lassen, wie Leiner erzählt. Dies ist für Goldbeck Solar passabel, schließlich sitzen in Thailand mehrere renommierte OEM-Fabriken für Solarmodule. Nur kurz danach heißt es dann jedoch von CSUN, die Ware könne doch nicht in der thailändischen Fabrik produziert werden.
Der nächste Vorschlag von CSUN sei gewesen, die Module in den Vereinigten Arabischen Emiraten produzieren zu lassen. „Da die Zeit bis zur vereinbarten Lieferung immer knapper wird, baut CSUN Druck auf und verlangt Vorkasse“, sagt die Einkäuferin. Hier hätte Leiner zufolge längst die Notbremse gezogen werden müssen, aber „wir hatten einen validen Kaufvertrag eines börsennotierten Unternehmens vorliegen. Wir haben uns auf die Seriosität von CSUN verlassen“. Um dem Kunden, für den der Anschluss der Photovoltaik-Anlage bis 15. Dezember 2017 essenziell war, helfen zu können, stimmt Goldbeck Solar den Bedingungen zu –  allerdings nur gegen die Zusicherung, dass die Zellen und Module nicht in China gefertigt werden, und die Anzahlung mit einer Bankbürgschaft von CSUNs Bank besichert wird. Am Folgetag wird Goldbeck Solar informiert, dass die Nanjing Sunrise Solar Technologie Ltd. – eine in China ansässige Tochtergesellschaft von CSUN – der Vertragspartner sei und erhält eine Pro-Forma-Rechnung, die ein CSUN-Logo trägt. Auch der Liefertermin 30. November 2017 wird dem deutschen EPC-Unternehmen schriftlich bestätigt.
Doch dann ändert der chinesische Hersteller nochmals die zuständige Tochtergesellschaft – Goldbeck Solar soll nun bei der in Hongkong ansässigen Firma CSUN Trading Co. Ltd. bestellen. Am 20. September erfährt Monika Leiner, dass keine Bankgarantie für die Anzahlung gestellt werden kann, da es sich nur um eine Handelsgesellschaft von CSUN handele. Da Goldbeck Solar der EPC-Auftrag droht verlorenzugehen, stimmt es einer „harten Patronatserklärung“ als Absicherung für die Vorkasse durch die Muttergesellschaft zu. Dies bedeutet, dass die Muttergesellschaft im Zweifelsfall für die Verpflichtungen der Tochtergesellschaft geradesteht.
Am 26. September überweist Goldbeck schließlich die Anzahlung von 280.000 US-Dollar an die CSUN Trading Co. Ltd. Am Folgetag habe CSUN die Bankbestätigung per Mail erhalten. Nur drei Stunden danach informiert der chinesische Photovoltaik-Hersteller Goldbeck Solar dass die vereinbarten Liefertermine bis Ende November nicht eingehalten werden können. Frühestens Mitte Dezember sei die Lieferung von Modulen CIF möglich. Doch Goldbeck Solar hat bindende Verpflichtungen aus dem EPC-Vertrag mit dem Kunden; die Lieferung der Module erst im Dezember wäre dafür definitiv zu spät, wie Leiner erklärt.
Goldbeck Solar tritt vom Kaufvertrag zurück
Daher tritt Goldbeck Solar noch Ende September von dem Kaufvertrag zurück. Natürlich fordert der deutsche Projektierer auch seine Anzahlung zurück. Doch CSUN reagiert nicht. Mitte Oktober wendet sich Goldbeck Solar mit der Patronatserklärung an die Muttergesellschaft, die eine Ausfallgarantie zugesichert hat. Per Einschreiben wird sie nun aufgefordert, die 280.000 US-Dollar zurückzuzahlen. Ein Monat vergeht, ohne dass wirklich etwas passiert. Mitte November schaltet Goldbeck Solar die deutsche Außenhandelskammer in Hongkong ein, die die dortige Handelsgesellschaft von CSUN kontaktiert und denen die Forderung auch bestätigt wird. Ende November erhält Goldbeck Solar dann nochmal eine Rückfrage des chinesischen Photovoltaik-Herstellers wegen der Bankverbindung und es werden knapp 30.000 US-Dollar zurücküberwiesen.
„Auf die restlichen rund 250.000 US-Dollar warten wir bis heute“, sagt Leiner. Sie steht vor dem Problem, dass es ein Inkassoprinzip nach europäischen Vorbild in China nicht gibt. Dies bestätigt auch die deutsche Außenhandelskammer in Shanghai auf Anfrage von pv magazine. Goldbeck Solar hatte in dieser Zeit von einer Anwaltskanzlei in Hongkong die Erreichung und Durchsetzung eines Titels prüfen lassen. Dafür habe das Unternehmen eine akkreditierte Kanzlei beauftragen müssen, die in China prozessieren darf. Ganz billig war das natürlich auch nicht, wie Leiner sagt.
Mit einer chinesischen Kollegin wurden zudem Schreiben in Landessprache verfasst, doch die brachten genau so wenig wie eine Terminanfrage während einer China-Reise im Februar. Auch pv magazine kontaktierte verschiedene Stellen bei CSUN in China und der Türkei. Allerdings hieß es jeweils, dass CSUN noch nie mit einem Kunden namens Goldbeck zusammengearbeitet habe, oder die Mails blieben ganz unbeantwortet.
Letzte Option vor einem Rechtsstreit in China
Als letzte Option vor einem Rechtsstreit in China versuchte Goldbeck Solar nun, ein Schreiben in chinesischer Sprache aufzusetzen und die ausstehende Rückzahlung in Form von Naturalien zurückzufordern, wie es Leiner nennt. „Wir bieten ihnen an, als Gegenwert Module oder Zellen an uns zu liefern“, erklärt sie. Manchmal ließen sich Hersteller in finanzieller Schieflage auf eine solche Vereinbarung ein. „Wenn das nicht funktioniert, bleibt als Ultima Ratio nur noch ein Rechtsstreit, um das Geld einzuklagen“, so Leiner weiter. Doch auch das kann teuer werden. Goldbeck Solar schätzt die Kosten auf mehr als 50.000 Euro für einen solchen Rechtsstreit, der auch noch bis zu zwei Jahre dauern kann.
Um wenigstens den EPC-Vertrag zu erfüllen, habe Goldbeck Solar schließlich noch Ersatzmodule gekauft. „Dafür haben wir den Mindestimportpreis von 37 Cent pro Watt gezahlt“, sagt Leiner. Das sei deutlich mehr gewesen, als mit CSUN vereinbart worden sei. Bei den derzeitigen Margen im EPC-Geschäft tue sowas natürlich doppelt weh. Immerhin konnte Goldbeck Solar das 3,2 Megawatt-Projekt bis zum Jahresende für den Kunden fertigstellen.
Funkstille
Die Lehre, de Monika Leiner aus diesem Geschäft gezogen hat, ist klar: „Wir arbeiten nur noch mit harten Bankbürgschaften.“ Außerdem war es die erste und letzte Vereinbarung mit CSUN, wie die erfahrene Einkäuferin sagt. Sie ist seit 17 Jahren im Geschäft und hat zuvor nur einmal einen ähnlich gelagerten Fall erlebt. Damals mit LDK Solar: Der chinesische Photovoltaik-Hersteller geriet 2014 in eine finanzielle Schieflage und mehrere Tochtergesellschaften mussten in dem Jahr Insolvenz anmelden. Anders als bei CSUN hielt LDK Solar aber während der sechs Monate, die die Rückzahlung dauerte, die Kommunikation aufrecht.
Nach den ersten pv magazine-Recherchen zu dem Fall im März meldete sich CSUN dann plötzlich doch wieder bei Monika Leiner. Der chinesische Hersteller legte einen Zahlungsplan für die ausstehende Summe vor. CSUN wollte in Raten die 250.000 US-Dollar von Mitte April bis Oktober zurückzahlen. Nach Ansicht von Leiner nur eine Taktik, Goldbeck Solar wieder hinzuhalten. Dies bestätigte sich auch, denn schon die erste Tranche von 20.000 US-Dollar zahlte CSUN nicht, dabei sei selbst CEO Tingxiu Lu in die Vereinbarung involviert gewesen.
Seither herrscht auch wieder totale Funkstille. „CSUN hat sich schon unmittelbar nach Kündigung des Vertrages totgestellt. Das ist einfach miserables Geschäftsgebaren – und zwar weltweit. Ich kann von Geschäften mit diesem Unternehmen und seinen verbundenen Unternehmen nur abraten“, so Leiners bitteres Fazit.
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